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Christ flieht aus dem Irak

Christ flieht aus dem Irak – “Meine Heimatstadt ist die Hölle”

Seit der sogenannte Islamische Staat im Nordirak Stadt um Stadt erobert, sind Christen und Jesiden ihres Lebens nicht mehr sicher. Der 30-jährige Yusuf versucht nach seiner Flucht in Marburg Fuß zu fassen.

Christen und Jesiden müssen verschwinden oder zum Islam konvertieren – sonst gibt es für sie “nur noch das Schwert”. Das war die Botschaft der Terroristen des Islamischen Staats, als sie vor etwa einem Jahr ihre Offensive im Nordirak starteten. Auch Yusuf* musste fliehen. Heute lebt der junge Iraker in Hessen.

Dschahannam: Für seine Heimatstadt kennt Yusuf heute nur noch dieses Wort: die Hölle. Immer wieder zuckt er ratlos mit den Schultern. Der 30-jährige Iraker kann sich bis heute nicht erklären, wie es so weit kommen konnte. Vor knapp einem Jahr flogen Raketen auf seinen Heimatort, eine Kleinstadt in der Nähe von Mossul. Plötzlich hieß es: Der IS steht vor der Tür und in der Moschee in Mossul wird verkündet, dass allen Christen und Jesiden der Tod droht, wenn sie nicht zum Islam konvertieren. 13 Kirchen habe es in seiner Stadt gegeben, sagt er. “Der IS hat sie alle niedergebrannt.”

 

Flucht nur mit den Kleidern auf dem Leib

 

Die meisten Christen und Jesiden entschieden sich für die Flucht. Ein Exodus begann: Tausende Menschen flohen in die benachbarten Kurdengebiete im Norden des Landes. Yusuf und seine Verwandten sind Katholiken, sie schlossen sich dem Flüchtlingszug an. Er zeigt auf sein Hemd. Nur die Kleider am Leib konnten sie mitnehmen. Der IS habe Straßensperren aufgebaut und viele Flüchtlinge ausgeraubt. Geld, Schmuck, teilweise sogar die Autos wurden ihnen an den Checkpoints abgenommen, erzählt Yusuf. “Die Menschen mussten dann zu Fuß weiterlaufen.”

Nach der Flucht habe der IS außerdem die Häuser seiner Familie geplündert und die Gebäude zerstört. Die christliche Gemeinde in Mossul galt bis dahin als eine der ältesten des Landes. Nach der IS-Offensive klagte der christlich-chaldäische Patriarch Luis Sako: “Erstmals in der Geschichte des Irak gibt es keine Christen mehr in Mossul.”

 

Sorge um Familie und Freunde

 

In der kurdischen Autonomieregion fanden Yusuf und seine Verwandten zwei Monate lang Unterschlupf in einer Schule. Als dort die Ferien zu Ende gingen, mussten sie eine Wohnung mieten – in einem Rohbau. Yusuf beschreibt die Lage der Flüchtlinge dort als prekär: wenig Essen, wenig Medikamente, wenig Arbeit. “Das ganze Leben dort ist schwer”, sagt er.

Yusuf ist dennoch froh, überhaupt am Leben zu sein. Von einigen christlichen Nachbarn und Bekannten aus Mossul habe er seit der IS-Offensive nichts mehr gehört. Aber auch in den Autonomiegebieten, im Schutz der kurdischen Peschmerga fühle man sich nicht wirklich sicher. Erst vor ein paar Tagen habe er von seinen Verwandten erfahren, dass dort eine Autobombe hochgegangen sei, erzählt er.

 

 

Von Mossul nach Marburg

 

Die Hoffnung der Familie liegt deshalb auf Yusuf. 15.000 Dollar zahlte sie an Schlepper, die den jungen Mann nach Deutschland schleusten. 4.000 Kilometer, ein weiter Weg über die Türkei, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich. Die meiste Zeit zu Fuß oder im Auto. Nach zwei Monaten kam Yusuf in Deutschland an, erst in Köln und dann schließlich in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen.

Vor zwei Monaten wurde sein Asylantrag angenommen. Seitdem wohnt er in Marburg in einer Wohngemeinschaft, gemeinsam mit anderen Flüchtlingen. Im Irak hat Yusuf Mechanik studiert, hier muss er erst mal Deutsch lernen und will dann Arbeit finden – egal welche. Wie stellt er sich das Leben in Deutschland vor? “Keine Ahnung”, sagt er. Irgendwie wolle er seiner Familie helfen. Wie genau das gehen soll? Er kann es sich nicht vorstellen.

 

Kaum Hoffnung für sein Heimatland

 

Auch für sein Heimatland hat er weder eine genaue Vorstellung noch wirkliche Hoffnung. Yusuf glaubt nicht, dass Christen und Muslime dort jemals wieder in Frieden miteinander leben werden. Er zuckt wieder mit den Schultern. Und dieses Mal wirkt er dabei nicht ratlos, sondern desillusioniert: “Im Irak gibt es keine Zukunft.”

*Yusuf möchte anonym bleiben, seinen wahren Namen nennen wir daher nicht

 

 

Quelle: hr-online.de

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