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Westliche Kirchen lassen Christen im Stich

Göttingen (idea) – Die westlichen Kirchen lassen die christliche Bevölkerung im Bürgerkriegsland Syrien weitgehend im Stich. Diesen Vorwurf erhebt die Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen). Die Christen in Syrien müssten ohnmächtig mit ansehen, „wie sie immer mehr zwischen die Fronten geraten und dabei ihre kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Einrichtungen zerstört werden“. Dagegen erhielten alle anderen Gesellschafts- und Religionsgruppen in Syrien teils massive Unterstützung aus dem Ausland. So heißt es in einem Memorandum, das die Menschenrechtsorganisation zum bevorstehenden Papstbesuch vom 24. bis 26. Mai in Jordanien, den Palästinensergebieten und Israel veröffentlicht hat. Darin wird die Lage der Christen im Nahen Osten beleuchtet. Wie es im Blick auf die syrischen Flüchtlinge weiter heißt, erhält die christliche Bevölkerung derzeit kaum Unterstützung aus dem Ausland. Auch in Flüchtlingslagern komme es zu „massiven Repressionen“ gegen Christen. Die Organisation ruft Kirchengemeinden in aller Welt auf, bei der Aufnahme von syrischen Flüchtlingen zu helfen. Den Angaben zufolge sind dem Bürgerkrieg bisher mindestens 1.000 Christen zum Opfer gefallen. Die noch in Syrien verbliebenen Christen seien die einzige unbewaffnete Bevölkerungsgruppe und könnten von der destabilisierten Staatsgewalt keinen Schutz erwarten. Viele trauten sich deshalb nicht mehr auf die Straße. Nach Schätzungen sind bisher 2,6 Millionen Syrer in die Nachbarländer geflohen, davon mehr als 100.000 Christen. Von den 21 Millionen Einwohnern Syriens waren vor dem Bürgerkrieg 90 Prozent Muslime und 6,3 Prozent Christen, davon jeweils drei Prozent Katholiken und Orthodoxe plus kleine Gruppen von Protestanten. Die übrige Bevölkerung bestand aus Nichtreligiösen oder Anhängern anderer Religionen.

Ständige Gefahr von Übergriffen

Der Analyse zufolge hat sich die Lage der Christen im Nahen Osten durch den „Arabischen Frühling“ stark verschlechtert: „Durch den immer stärkeren Einfluss von radikalen Islamisten und die dadurch steigende Bedrohung von Nicht-Muslimen sind viele Christen zu Flüchtlingen geworden oder müssen ihren Glauben verheimlichen.“ Die alltägliche Schikanierung aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit gehöre in vielen Ländern zum Alltag. Wo Kirchen nicht verboten oder zerstört seien, lebten Gottesdienstbesucher in der ständigen Gefahr von Übergriffen.

Ist der Irak 2020 ohne Christen?

Besonders schwierig sei die Lage für Christen im Irak. Vor dem ersten Irak-Krieg 1990/91 habe ihr Bevölkerungsanteil noch bei etwa zehn Prozent gelegen. Inzwischen werde vermutet, dass er nur noch 2,5 Prozent betrage. Es sei zu befürchten, dass es 2020 dort keine Christen mehr geben werde. Sie seien besonders häufig das Ziel von Gewalt durch islamistische Bewegungen. Es komme immer wieder zu Entführungen, Vergewaltigungen, Bombenattentaten auf Kirchen und Morden. Seit 2003 seien im Irak mehr als 1.000 Christen durch Anschläge extremistischer Muslime getötet – darunter 15 Priester – sowie 70 Kirchen durch Bombenanschläge teils völlig zerstört worden. Von ehemals 500 Kirchen im Irak seien noch 57 geöffnet. Lediglich im autonomen Bundesstaat Kurdistan hätten irakische Christen relative Glaubensfreiheit und Sicherheit.

Jordanien: Lage für Christen besser als in Nachbarländern, aber …

In Jordanien, das Papst Franziskus besuchen wird, biete sich eine deutlich bessere Situation als in den Nachbarländern. König Abdullah II. habe sein Land als Vorbild für die Brüderlichkeit zwischen Christen und Muslimen bezeichnet. Dem Memorandum zufolge ist jedoch der Grad der Verfolgung in den vergangenen Jahren angestiegen. Besonders Bürger, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind, seien Diskriminierungen ausgesetzt, würden von ihren Familien ausgeschlossen und in Extremfällen Opfer von sogenannten Ehrenmorden. Im Straf- und Familienrecht seien Christen in Jordanien Bürger zweiter Klasse.

Palästinensergebiete: Unterdrückung der Christen wächst

In den Palästinensergebieten hätten sich Muslime in den vergangenen Jahren zunehmend radikalisiert. Die etwa 50.000 Christen litten unter wachsender Unterdrückung – im Gaza-Streifen mehr als im Westjordanland. Immer wieder würden Christen gezwungen, zum Islam überzutreten. Wer sich weigere, werde bedroht und müsse flüchten. Die christliche Minderheit gerate auch zwischen die Fronten des israelisch-palästinensischen Konflikts. Ihre Zahl nehme aufgrund sinkender Geburten und vermehrter Auswanderung stetig ab.

Papst soll sich für Schutz der Christen einsetzen

Die Gesellschaft für bedrohte Völker ruft Papst Franziskus auf, sich bei seinen Gesprächen im Nahen Osten mit muslimischen Repräsentanten für den interreligiösen Dialog einzusetzen und Wege zum friedlichen Miteinander zu erarbeiten. Insbesondere sei es notwendig, Schutzmaßnahmen für Christen vor radikalen Muslimen zu ergreifen. Bei seinen Gesprächen mit Vertretern der christlichen Minderheit solle er betonen, dass ihr Überleben in der Region unbedingt ihre Einheit voraussetze.

Quelle: http://www.idea.de/detail/thema-des-tages/artikel/westliche-kirchen-lassen-christen-im-stich-1148.html

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